Kreatives

Glück

Glücks-Essay von einer Schülerin der Klasse 10a

„Ein Tag wie jeder andere“, denke ich. Ich sitze im Bus und um mich herum herrscht Gelächter und Geschrei. Neben mir lehnt mein Rucksack, der mich mit einem dreckigen Lächeln daran erinnert, dass heute Schule ist. Heute ist Montag. Es ist dunkel, düster und noch viel zu früh, um bei klarem Verstand zu sein. Außerdem kann ich mir weitaus Besseres vorstellen, als um diese Uhrzeit Richtung Hölle zu fahren. Zum Beispiel würde ich jetzt liebend gerne noch in meinem warmen, weichen Bett liegen und wohlig träumen.

Aber gut – geht ja nicht anders.

Mein Blick schweift von meinem Rucksack zu den Bustüren und bleibt daran kleben, als sie zischend in den Türrahmen einrasten, bevor der Bus losfährt.

Dieses Geräusch ist neben dem Gerede der anderen Jugendlichen im Bus das letzte Geräusch, das ich höre, bevor ich meine Kopfhörer aufsetze und die Musik laut aufdrehe. Die Musik lässt mich vergessen, woran ich eben noch gedacht habe und ein Gefühl von Zufriedenheit erfüllt mich. Es erscheint mir so, als gäbe es nichts anderes mehr als mich und die Musik und alle Probleme sind mit einem Mal verschwunden. Ich lehne mich in den Sitz zurück. Ich bin glücklich. Na ja, den Umständen entsprechend glücklich. Oder bin ich nicht glücklich, sondern einfach nur entspannt? Bedeutet entspannt sein glücklich sein?

Ab wann darf ich mich als glücklich bezeichnen? Musik macht mich auf eine gewisse Weise glücklich, weil ich das Adrenalin spüre, sobald der Beat aufdreht.

Adrenalin = Glücksgefühle. Aber bedeutet das dann auch unbedingt, dass Glücksgefühle Adrenalin voraussetzen? Der Philosoph Arthur Schopenhauer würde diese Frage bejahen, wenn man sich seine Äußerung zu der Definition von Glück anschaut: „Das Glück ist nicht mehr als die Abwesenheit der Langeweile.“ Glück ist also für ihn Adrenalin, Spannung und Beschäftigung. Wenn ich aber gestresst zur Bushaltestelle renne, weil ich mal wieder zu spät dran bin, ist die Langeweile zwar abwesend, aber mit Sicherheit bin ich nicht glücklich darüber.

Außerdem kann Nichtstun auch glücklich machen, oder etwa nicht? Ich bin schon manchmal glücklich, wenn es nichts gibt, was mich unglücklich machen könnte. Nichtstun macht mich an manchen Tagen glücklich.

In diesem Moment, wo ich diese Worte in meinen Kopf gelassen habe, singt Dua Lipa die Worte „Is the only reason you‘re holding me tonight, ‘Cause we‘re scared to be lonely?“. Das bringt mich zum Nachdenken. Angst vorm Alleinsein, weil man alleine nicht glücklich ist?!

Besonders, wenn ich die Zeit des Nichtstuns mit jemandem teilen kann, bin ich ja schließlich glücklich. Mit Familie oder Freunden. Alleine verliert das Glücklichsein an Sinn.

Denn es heißt ja auch: „Glück ist das einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt.“

Somit erfüllt Glücklichsein nur dann seinen Zweck, wenn es einen Menschen gibt, der mit mir glücklich ist.

Deswegen könnte ich mir das geplante Auslandsjahr nach meinem Abi nicht ohne Begleitung vorstellen. Was habe ich davon, einen Bungee Jump aus 100 Metern Höhe zu machen, wenn es niemanden gibt, mit dem ich das unfassbare Gefühl teilen kann? Oder warum gehe ich in den australischen Outback und bestaune den Sternenhimmel, wenn ich dabei nicht eine vertraute Person neben mir anstupsen und schreien kann:„Schau, da ist eine Sternschnuppe“. Und schon sind wir dann wohl wieder bei Adrenalin und Abenteuer angekommen. Gerade als sich meine Laune aufgebessert hat durch das Nachdenken über Glück und durch die Musik, die immer noch im Hintergrund läuft, fährt der Bus auf den Parkplatz des OHGs, was mich aus meinen Gedanken reißt. Ich denke an Frau R., die uns gleich dazu zwingen wird, zur Begrüßung aufzustehen wie kleine Fünftklässler. Da wird mir klar: Heute ist ein Tag wie jeder andere auch.

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